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Dreiradbau einmal ganz einfach: die Forelle nach Werner Stiffel

vorne: meine Forelle

Die Forelle mit Verkleidung. Und hier die Bauanleitung dazu.

Der Bauplan für die Forelle findet sich unter http://www.herrgismo.de/plan.html als PDF.

Auf der HPV-WM 97 in Köln bin ich mit meiner Forelle auf unerwartet viel Interesse gestoßen, was mich veranlaßt hat, einen Bau-und Erfahrungsbericht zur Verfügung zu stellen.

Die Forelle ist ein besonders einfaches Dreirad. Ausgestattet mit einer großen Gepäckbox eignet sie sich hervorragend als Cityrad zum Einkaufen oder zum Picknick im Stadtpark. Wer alltäglich in die Stadt fährt um Erledigungen zu machen oder einfach nur zur Arbeit findet hier eine bequeme und besonders praktische Alternative für normale Fahrradgeschwindigkeiten. Dabei ist die Forelle sehr einfach zu bauen. Mit etwas Löt-oder Schweiß- Erfahrung kann man den Bau leicht bewältigen. Durch die Drehschemellenkung der Hinterräder wird eine einfache Konstruktion ermöglicht, die ohne Spezialteile auskommt, jedoch zu etwas kritischem Fahrverhalten in Kurven führt.

Vorsicht: tückische Fahreigenschaften!
Jeden der meinen Forelle-Nachbau probefahren wollte, habe ich eindringlich beschworen: Aber vorsichtig in die Kurven reinfahren! Die Forelle ist hinten über einen Drehunkt gelenkt. In einer Kurve wandert das kurvenäußere Rad nach hinten und zur Mitte hin. Dadurch kommt der Fahrer der Kipplinie mit seinem Allerwertesten sehr nahe. Geht man zu scharf in die Kurve, kippt die Forelle ganz plötzlich und unerwartet weg. Man lernt aber ganz schnell den richtigen Umgang. Aus Bastlersicht beurteile ich das so: Jedes Dreirad, das kippsicherer ist, ist auch wesentlich komplizierter und teurer zu bauen. Da bremse ich vor einer Kurve lieber mal ab, was man in der Stadt sowieso ständig machen muß.

Der Bau
Der Bau beginnt mit der Bauanleitung von Werner Stiffel. Nachdem man sich in die Konstruktionsdetails vertieft hat, fertigt man am besten eine eigene Zeichnung an, zum Beispiel im Maßstab 1 : 5. Änderungen der Proportionen, Radgrößen usw. sind relativ unkritisch. Da jedoch durch die einfache Fahrwerksgeometrie bedingt in Kurven der Schwerpunkt nahe an die Kipplinie herankommt, sollte man unbedingt darauf achten, einen kurzen Abstand (unter 110 cm) und eine ausreichend breite Spur (mindestens 75 cm) einzuhalten.
Die empfohlene große Neigung der Lenkachse habe ich nicht befolgt: die Neigung der Hinterachse bewirkt ein in die Kurve legen des Vorderteils mitsamt Fahrer, ein sehr angenehmer Effekt. Da ich aber eine Verkleidung anbauen wollte, hätte Seitenwind zu stark auf die Lenkung gedrückt. Da lehne ich mich lieber selbst mit dem Oberkörper stärker in die Kurve.
Sehr zu empfehlen ist ein Lenkungsdämpfer. Die Forelle läßt sich so viel sanfter Steuern und sogar freihändig fahren. Auch im Stand beim Beladen oder ähnliches wackelt die Forelle ohne Dämpfer ständig um die leichtgängige Lenkachse. Ich habe einen alten Mopeddämpfer genommen, die Spiralfeder entfernt und so umgebaut, daß er in beide Richtungen dämpft. Diesen habe ich einseitig zwischen Hinterachsstrebe und Unterrohr befestigt. Eine einfache und sehr nützliche Maßnahme, der geringe Mehraufwand lohnt sich!
Die Bauleitung sieht für die Lenkungslagerung präzise Glycodurbuchsen vor, was völlig unnötig ist. Eine M 10-Schraube in einem 12 x 1 Rohr tuts auch, das entstehende Spiel in der Lagerung stört überhaupt nicht. In die Lenkhebel-Trägerenden lötet man einfach eine Mutter M 10 ein. Den gesamten Aufbau habe ich in zwei Monaten Feierabendstunden geschafft.

Fahrspaß ohne Ende
Auf gerader Strecke macht es richtig Spaß, mit der Forelle loszuheizen. Dabei ist sie so leichtgängig wie ein Zweirad und schluckt trotz des filialen Aufbaus jedes Schlagloch problemlos. Das alte Schimpfwort "Schlaglochsuchmaschine" für Dreiräder kann ich nicht bestätigen: mit einem Zweirad fährt man durch jedes Schlagloch, mit beiden Rädern. Mit der Forelle gewöhnt man sich schnell an, Schlaglöcher möglichst nur mit einem Hinterrad zu nehmen, hier sind nur 25% der Achslast, und die Stöße kommen nur noch zur Hälfte beim Fahrer an. Natürlich kann man auch anders darüber denken, aber ich finde es wesentlich angenehmer mit der Forelle zu fahren als mit einem Liegezweirad, daß ich wesentlich seltener benutzt habe, seitdem ich die Forelle habe. Im dichten Stadtgewühl wirds erst richtig lustig: noch heute frage ich mich, warum Autofahrer so einen riesen Bogen um mich machen. Es ist unglaublich, aber Autofahrer können wahnsinnig rücksichtsvoll sein. Alles was man braucht, ist ein Fahrrad mit zwei Rädern hinten! Vermutlich halten solche einfachen Gemüter ein solches Fahrzeug grundsätzlich für ein Behindertenfahrzeug. Anders kann ich mir den angenehmen Effekt nicht erklären, daß Autofahrer plötzlich Ihren Überholzwang und ihre Revierverteidigungsinstinkte vergessen und seelenruhig hinter meiner Forelle herrollen, bis genug Platz zum Überholen ist! Es ist sogar schon vorgekommen, daß in zweispurigen Straßen der Gegenverkehr rechts ran ist und angehalten hat, bis ich vorbei war. Egal warum, ich finds lustig und echt angenehm, ermöglicht es doch ein flottes und sicheres Fahren. Die Kölner Polizei hat mich auch noch nie auf den Fahrradweg verwiesen. Hiesige Radwege sind oft sehr schmal (1 Meter) und zugestellt, daher benutze ich meistens die Straße. Bei einem 80 Zentimeter breiten Fahrrad ist die Radwegbenutzung zwar machbar, aber unzumutbar. Ein Dank an die Kölner Polizei für ihre Kulanz. In Fußgängerzonen wird die Forelle von den Fußgängern problemlos akzeptiert, selbst wenn es Eng wird macht man mir noch Platz. Natürlich muß man hier vorsichtig und langsam fahren. Schon allein, um das Image der die Liegeräder nicht zu beschädigen!
Mit einem Dreirad verlieren auch Straßenbahnschienen und niedrige Kanten Ihren Schrecken, beides beliebte Schädelbrecher in Köln. Halbhohe Bordsteine kommt man auch hoch und an jedem runter ohne Probleme. Am gemütlichsten wirds an der Ampel: man läßt einfach die Füße auf den Pedalen und fährt bei Grün problemlos freihändig los. In Köln gibt es sehr viele Ampel (zirka eine pro 200 Meter). Die Augenhöhe von einem Meter ist genau richtig, um durch die Heckscheiben durchzusehen und Blickkontakt mit den Autofahrern aufzunehmen. So sieht man, ob man gesehen wird oder mit der (möglichst lauten) Klingel nachhelfen muß. Insgesamt macht es sehr viel Spaß, mit der Forelle zu fahren. Es ist ein wunderbares Fahrgefühl und ich fühle mich sicher selbst auf belebten Straßen.


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