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Funktionskleidung

Parkplatz mitten im Grünen? Na jedenfalls sieht man hier meine Klamotten: Basecap, Jacke Gore N2S Phantom, Funktions-Trekkinghose Zip-off, leichte Joggingschuhe und 'klassische' Fahrradhandschuhe. In Verbindung mit einer leichten Windjacke reicht diese Ausstattung ab 5°C aus.

Also nicht, dass hier jemand glaubt, ich kenne mich da besonders aus. Ich will nur mal meine Erfahrungen zusammentragen.

Zunächst mal war ich lange Zeit skeptisch, ob diese meist doch sehr speziell aussehenden Klamotten Sinn für mich einfachen Alltags- und Tourenradler machen. Und bei Schönwetter, im Sommer bei 20 Grad und Sonnenschein, ist das wahrscheinlich auch kein wichtiges Thema. Höhere Anforderungen ergeben sich aber bei allen anderen Wetterlagen. Hier mal ein paar Stichworte:

Anforderungen

Meine Anforderungen an Tourenkleidung sind:
  • geringes Gewicht -> leichtes Gepäck
  • wenig Wasseraufnahme -> leichtes Gepäck, schnell trocknend, Schutz vor Auskühlung
  • schnell trocknend -> Vorteilhaft nach Regenschauer, unterwegs waschen und bald wieder anziehen
  • gute Dampfdurchlässigkeit -> wenn der Dampf raus kann, kondensiert er nicht erst zu Wasser
  • Haltbarkeit -> Kostenreduktion
  • pflegeleicht -> was man unterwegs waschen kann, braucht man nicht frisch zum Wechseln mitführen

Baumwolle

Baumwolle erfüllt keine der oben aufgeführten Funktionen. Sie ist zwar für Modeartikel geeignet, jedoch nicht, wenn man sich darin auch bewegen will. Baumwolle saugt sich mit Wasser voll und hält das Wasser auch lange fest. Nicht umsonst werden daraus Geschirrtücher gemacht. Eine Baumwolljeans, die am Anfang einer Tour nass wird, trocknet ggf. die ganze Tour über nicht mehr. Ausserdem ist Baumwolle nicht sehr robust. Mischungen aus Baumwolle und Kunstfasern sind hier schon erheblich besser, aber für meinen Geschmack genau wie reine Baumwolle einfach zu schwer.

Wolle, Seide

Kann gut sein, habe ich aber keine Erfahrungen mit.

Kunstfasern

Unüberschaubares Angebot und ständig gibt es neue Fasern. Insgesamt bin ich mit Funktionskleidung aus modernen Fasern sehr zufrieden. Vor allem in ungünstigen Wetterlagen (besonders warm, besonders kalt, besonders nass) könnte ich mich mit was anderem gar nicht wohlfühlen.

Zwiebelrinzip

Prinzip: Drei dünne Kleidungsschichten mit unterschiedlichen Funktionen werden übereinandergeschichtet und können je nach Bedarf kombiniert werden.
  • 1. Unterwäsche: Hier beginnt der Feuchtigkeitstransport. Muss eng anliegen, damit möglichst die ganze Hautoberfläche damit in Berührung kommt. Wenn der Schweiss von der Unterwäsche schnell aufgenommen und nach aussen transportiert wird, ergibt das eine grössere Verdunstungsfläche als die Haut sie jemals bieten würde. Also: Im Sommer kühler, im Winter trockener. Auf flache Nähte achten und hier nicht sparen!
  • 2. Isolator: Speichert bei Kälte warme Luft. Bei warmer Witterung zunehmend dünner oder ganz weglassen. Wenn gespart werden muss, dann hier, denn billiges Fleece isoliert genausogut wie teures. Teures hat oft den Vorteil, dass es bei gleicher Dicke und Dichte leichter ist und haltbarer. Vielleicht ist auch der Feuchtigkeitstransport besser.
  • 3. Äussere Schicht: Je nach Bedarf in verschiedenen Ausführungen (winddicht, wasserdicht), aber auf jeden Fall atmungsaktiv, sonst schwimmt man im eigenen Saft. Atmungsaktive Regenjacken funktionieren nur bedingt. Ich trage sie nur bei starkem Regen, sonst bin ich in der Jacke durch Schweiss nasser als ich durch leichten Regen jemals werden würde. Für leichten Regen gibt es Fleecestoffe, die besonders dicht gewebt sind.
      Empfehlungen: Im Winter trage ich die Blizzard von Jack Wolfskin, eine zweischichtige Fleecejacke mit Windstopper-Laminat und Verstärkungen aus Cordura an Schultern und Ärmeln. Das Fleece ist nur dünn, es muss also meistens noch eine Isolierschicht dadrunter. Ab 10 Grad ziehe ich diese Jacke aber auch direkt über das Unterhemd an (ohne Isolator). Inzwischen ist diese Jacke sehr teuer geworden, es gibt bestimmt auch passende günstigere Modelle.
      Im Frühjahr und Herbst reicht meist eine dünne Jacke mit Windstopper als dritte Schicht. Ich verwende die Gore Phantom N2S (siehe Foto oben). Die hat eine Windstopperschicht, ist sehr atmungsaktiv und wenn man die langen Ärmel abtrennt, kommen darunter kurze Trikotärmel zum Vorschein. Die Phantom ist also Jacke, Langarmtrikot, Kurzarmtrikot und Windstopperweste in einem und ersetzt bei mir über drei Jahreszeiten hinweg die gesamte Oberkörper-Bekleidung bis auf Unterhemd, Windjacke und Regenjacke. Und das nicht nur auf Touren sondern alltäglich! Nach sechs Monaten, die ich inzwischen diese Jacke trage bin ich immernoch begeistert. Verschleisserscheinungen gibt es kaum. Die Jacke ist robust und leicht zu pflegen.
      Bei warmen Wetter habe ich oft nur ein Unterhemd oder Shirt an, also nur eine erste Schicht.
  • Beine: Ich trage eine leichte, weite Hose aus windabweisendem Funktionsstoff wie oben abgebildet. Die Hosenbeine sind in zwei Höhen abtrennbar. Damit ist sie für einen weiten Temperaturbereich geeignet. Der Nylon-Stoff dieser Trekkinghose ist erstaunlich robust. Schon mehrere Male ist er mir in die Kette geraten. Nicht nur, dass der Stoff kein bisschen beschädigt wurde, der Kettenschmutz liess sich durch eine einfache Handwäsche mühelos und völlig rückstandsfrei entfernen. Jeans wäre längst hinüber. Mit meiner Hose habe ich schon mehrere tausend Kilometer auf dem Rad hinter mir, bin viele Touren gefahren, habe viele Regenschauern durchfahren und trage sie auch im Alltag. Sie hat keine Verschleisserscheinungen. Der Stoff ist gleichzeitig so dünn, dass es schnell trocknet. Ich habe schon einmal die Hose direkt nach dem Waschen wieder angezogen. Einfach im Handtuch ausgewrungen und am Körper trocknen lassen. Nach 10 Minuten war sie trocken.
    Empfehlung: Nehmt die Hose mit dem dünnsten Stoff in guter Qualität und 100% Polyamid (=Nylon)
  • Kopf: Über den Kopf kann der Körper viel Wärme verlieren. Daher ist es wichtig, eine Kopfbedeckung greifbar zu haben. Ist es mir zu kalt, ziehe ich eine Basecap auf. Wird es mir zu warm, z.B. bei Ampelstops, nehme ich als erstes die Mütze ab. Das ist sehr effektiv. Ausserdem schützt eine Mütze natürlich auch vor Regen und Sonne.
  • Hände: Für den Winter gibt es atmungsaktive Fingerhandschuhe mit Windstoppermembran, die absolut wasserdicht sind. Sehr zu empfehlen! Ansonsten trage ich übers Jahr immer Fahrradhandschuhe. Auf dem Liegerad fängt man einen Sturz nämlich immer mit den Händen ab.

Das richtige Mass

Bei Kälte habe ich mich in der Vergangenheit immer zu warm angezogen. Mit dem Erfolg, dass ich durchgeschwitzt vom Rad gestiegen bin. Jetzt weiss ich: Wenn ich die ersten 3 km auf dem Rad nicht friere, bin ich zu warm angezogen. Das ist im Sommer immer der Fall, aber was soll man machen: Sommerhitze ist das einzige Wetter, vor dem man sich nicht gut schützen kann. Nicht zuletzt deswegen bevorzuge ich kühle Wetterlagen für Touren.
Natürlich will niemand drei Kilometer lang frieren. Ich ziehe dann also erst mal eine zusätliche Windjacke über. Sobald mir warm wird, ziehe ich sie wieder aus. Und da es den Beinen nicht anders ergeht, habe ich mir eine dünne ungefütterte Windschutz-Hose genäht. Zu kaufen gibt es sowas nicht, ausser vielleicht für sauteures Geld. Sie besteht aus bestem Ripstop-Nylon einer alten Schlafsackhülle. So ein Material bekommt man neu von der Rolle in Deutschland nur selten und teuer.

Mistwetter

Bei richtig nassem Mistwetter wird man nass. Entweder durch den Regen von aussen oder durch Schweiss von innen, unter der Regenkleidung. Daher ist es immernoch besser, dann eine Wetterschutzverkleidung am Rad zu haben, die Regenkleidung entbehrlich macht. Optimal finde ich hier eine Frontnase mit zusätzlich nach hinten klappbarem Faltverdeck, das bis an die Schultern reicht. Dazu ein kleiner Poncho, der noch gerade über die Schultern geht und nicht flattert. Kaputze oder Mütze schützen den Kopf. Da macht auch Regen Spass, zumal dann auch mal die Wege von den Sonntagsradlern frei sind.


Diese selbstgemachte Regenweste ist gerade eben fertig geworden. Sie ist hinten ganz offen, wiegt 100g und ist aus wasserdicht beschichtetem Nylon gemacht, das sehr robust ist (Zeltplane aus dem Militärbereich). Ein leichteres Material hätte auch gereicht, ich hatte aber nun mal dieses rumliegen. Sie wird einfach über den Kopf gestülpt und unten durch einen Riemen gehalten.

In der Praxis hat es sich einige male bewährt. Ich habe mir gedacht, dass es bei warmem Wetter während eines leichten Schauers ausreichen könnte, nur den Rumpf zu schützen und so unnötiges Schwitzen in einer Regenjacke zu vermeiden. Meiner Erfahrung nach werden bei leichtem Regen vor allem der Oberkörper, die Oberarme und die Unterschenkel der Beine nass. Rücken, Oberschenkel und Unterarme bleiben fast trocken. Mit den schnelltrocknenden Funktionsklamotten ist es kein Problem, mal nass zu werden. 10 Minuten nach dem Ende des Schauers ist das meiste vom Fahrtwind wieder weggetrocknet. Nur am Oberkörper bin ich etwas kälteempfindlicher. Da macht mir die Auskühlung durch den Regen mehr aus, als an Armen und Beinen. Daher die Idee zu dieser Weste. Sozusagen ein Minimalregenschutz.

Ich will in Zukunft noch mit Schnitten und Materialien für bessere Liegerad-Regenbekleidung experimentieren.

Sonnenschutz

Zu viel Sonne finde ich problematisch. Vor Kälte und Regen kann ich mich schützen, vor Hitze aber nicht mal wenn ich zu Hause bleibe. Und wenn es unterwegs heiss ist, dann besteht auch noch Sonnenbrandgefahr bei angemessen leichter Kleidung. Danke Umweltverschmutzer!

Eine Kopfbedeckung trage ich sowieso immer. Wenn es um Sonnenschutz geht tausche ich meine übliche Basecap mit einem Strohhut. Der ist luftiger und schützt auch Ohren und Nacken. Wenn nötig klemme ich noch ein Tuch am Hinterkopf unter den Hut, das bis über den Nacken reicht.
Beine und Arme müssen auf Dauer auch durch Kleidung geschützt werden. Sonnencreme verlängert zwar die Bratzeit, verhindert aber nicht, dass die Sonne auf die Haut gelangt. Irgendwann ist Schluss und dann?

Unterwegs

Funktionskleidung wird angeblich schnell müffelig, da sich hier schneller Bakterien bilden als bei Baumwolle. Mir ist das noch nie passiert, dabei trage ich meine Funktionsklamotten täglich! Unterwäsche trage ich jeweils nur einen Tag und wasche sie dann. Da sie sehr dünn ist und aus Funktionsmaterial besteht, trocknet sie sehr schnell. Ich nehme also immer nur eine Kombination zum Wechseln mit, egal, wie lange ich unterwegs bin, und wasche täglich. Das spart Gewicht und ist praktisch.

Für die 2. Schicht nehme ich je nach Jahreszeit 1-3 Teile zum Kombinieren mit. Nach einer Woche spätestens ist hier auch eine Wäsche nötig. Gut also, wenn man einen von 7 Tagen als Ruhetag verbringt um sich zu erholen und sich um sowas zu kümmern. Selten sind meine Touren länger als eine Woche, also erübrigt sich das dann auch.

Die dritte Schicht sollte von vornherein besonders pflegeleicht sein. Meine Winterjacke trage ich seit drei Wintern und eine Wäsche war bisher nicht nötig. Auslüften genügt. Ausserdem ist sie schwarz...

Schuhe


In Schuhen schwitzen die Füsse nicht so leicht, wenn man die Zungen herausschneidet. Das ist kein Witz! Die Zungen sind absolut überflüssig, ausser man stapft durch dicken Modder. Bei Regen kommt das Wasser zwar eher an die Socken ran. Aber die Zungen schützen ja nur vor dem Regen, solange sie sich noch nicht völlig vollgesaugt haben. Dann bleiben sie aber auch ewig nass. Also raus damit, die Schuhe trocknen dann auch viel schneller!
Das ist übrigens nicht meine Idee. Sie stammt aus dem Buch: Beyond Backpacking von Ray Jardine. Dieses englischsprachige Buch ist _der_ Leitfaden zum ultraleichtgewichts-Camping!
Inzwischen laufe und liegeradel ich seit einigen Wochen mit diesen Schuhen herum und bin von dieser Änderung immernoch begeistert. Die Schnürsenkel schnüre ich nur leicht zu, so dass ich ohne sie öffnen zu müssen die Schuhe an und ausziehen kann. Bei Regen wird die Oberseite der Schuhe nicht nass, solange ich auf dem Liegerad fahre.

© Februar-Juni 2004, Wolfgang Bion
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